Projekt „Umrundung des Rursees“ – Meine erste Langdistanz-Wanderung

„Ich wette, ihr schafft es nicht, in 24 Stunden ein Mal um den Rursee zu laufen“ – so oder so ähnlich muss alles bei einem Bier angefangen haben. Eine Wette: Die Umrundung des Rursees. Ohne Übernachtung. In einem durch. Innerhalb von 24 Stunden. Wir haben es getan!

Zu dritt saßen wir vor etwa einem Jahr bei einem Bier beisammen und Jörg und ich wetteten, dass wir es schaffen, innerhalb von 24 Stunden ein Mal um den Rursee zu wandern. Volker war dagegen. Der Wetteinsatz: Ein Wochenende in Prag für Jörg und mich, wenn wir es schaffen. Ein Wochenende in Prag für Volker, wenn wir es nicht schaffen. Der Ehrgeiz war geweckt.

Schon damals stellte ich die GPS-Route zusammen: 53,5 km galt es zu bewältigen. In der Wettlaune hatte ich mit wesentlich weniger Kilometern gerechnet, aber was sind schon ein paar Blasen gegen ein Wochenende Prag?

Die Monate zogen ins Land und die Umrundung des Rursees war immer wieder mal Thema bei gemeinsamen Unternehmungen. Auch bei Freunden wurden wir mit unserer Idee vorstellig, fast immer mit dem selben Ergebnis: Alle hielten uns für bekloppt!

Als Nils mich Anfang April anschrieb, ob ich nicht mal Lust auf eine Langdistanzwanderung hätte, überlegten wir, mehrere Etappen des Wildnis-Trails zu laufen. Nach einigen Überlegungen einigten wir uns auf die Umrundung des Rursees und Volker und Jörg wurden mit ins Boot geholt. Auch Martin schloss sich an und so war unsere fünfköpfige Truppe beisammen.

Schnell war ein Termin gefunden: An Pfingsten sollte es los gehen. Da über die Feiertage alle frei hatten und man das verlängerte Wochenende optimal zum Auskurieren nutzen konnte, einigten wir uns auf dem 18. Mai 2013.

Ein mal rund um den Rursee

Fast pünktlich um 7 Uhr morgens treffen wir uns auf einem Parkplatz in Rurberg, unweit der Staumauer und einer Pommesbude. Außer uns ist noch niemand im Dorf zu sehen. Rurberg hatten wir uns als Startpunkt für das Projekt ausgesucht, da der Ort fast in der Mitte der gesamten Strecke liegt und es die Möglichkeit gibt, über die Staumauer zurück zum Auto zu gelangen, falls man es nicht schaffen sollte, den Hauptsee auch noch zu umrunden. Der Rursee besteht aus Haupt-, Ober- und Urftsee, wobei die Strecke um Ober- und Urftsee fast exakt die Hälfte der gesamten Tour ausmacht, nämlich 27 km. Die Strecke um den Hauptsee beträgt weitere 27 km.

Start am RurseeNachdem alle ihre Ausrüstung angelegt und die Autoschlüssel verstaut haben, machen wir uns auf den Weg. Vom Parkplatz aus gibt’s zum Einstieg in die Tour erst einmal einen Anstieg. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Höhenmeter schon zu Beginn der Wanderung abzureißen, damit wir die letzten 2/3 der Wegstrecke relativ ebenerdig wandern können. Da die meisten Höhenmeter auf dem ersten Teil entlang des Ober- und Urftsees auf uns warten, führt uns der Weg zuerst über einen Radweg von Rurberg nach Einruhr, von dort aus über den Eifelsteig hinauf über den Urftsee und somit auf die Dreiborner Hochfläche, nach Wollseifen und Vogelsang.

Volle Power voraus

Nachdem wir unterhalb der Urftstaumauer einem Bergmonster gegenüber stehen, das ich schon von anderen Touren wie Eifelsteig und Wildnis-Trail her kenne, geht es zügigen Schrittes gute 230 Hm hinauf. Schnaufend oben angekommen werden erst einmal die Handtücher gezückt und die Frisuren getrocknet, bevor wir einen Blick in die verlassenen Häuser der Wüstung Wollseifen werfen können. Leider sind alle alten Bauten auf dem ehemaligen Übungsgelände der Armee dem Erdboden gleich gemacht worden. Nur die alte Dorfkirche und die neu errichteten Haus-Dummies, in denen der Straßenkampf eingeübt werden sollte, stehen noch.

Auf der Dreiborner Hochfläche vor WollseifenNach ein wenig Sigthseeing liegen die meisten Höhenmeter hinter uns und es lässt sich wesentlich leichter laufen, wenn der Kopf weiß: Jetzt geht’s fast nur noch runter oder gerade. Wir setzen uns also wieder in Bewegung und wandern in Richtung der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, die imposant auf dem Berg Erpenscheid thront. Dort angekommen schenken wir uns das Kulturprogramm, denn allen ist ein wenig nach Kaffee zumute. Zwar gibt es ein Café auf dem Gelände der ehemaligen Kaderschmiede der Nazis, wir entscheiden uns aber dazu, lieber das Café auf der Urftstaumauer anzulaufen, denn bis zum Vogelsang-Café sind es noch geschätzte 200 Treppenstufen. Die müssen nicht unbedingt sein, also auf zur Urftstaumauer.

Die ersten Blessuren

Im Café auf der Staumauer angekommen lüften die ersten von uns ihre Schuhe. Blasen! Die ersten Blasen sind nach gut 24 km zu erkennen. Während wir einen großen Kaffee trinken und einige sich eine Scheibe von dem Laib Brot schmieren, den Martin mit sich schleppt, wird fleißig an den Füßen getapet und gepflastert, damit es einigermaßen schmerzfrei weiter gehen kann. Ich freue mich derweil, dass ich mich für die Viking Anaconda auf der Wanderung entschieden habe und keinerlei Scherz verspüre, denn auch Volker lässt verlauten, dass sein Knie schmerzt. Schnell schieben wir uns noch Salami und Käse rein, damit es zügig weiter gehen kann. Ein Schokoriegel dient als kleiner Nachtisch. Außer Käse, Salami und Schokoriegel tragen wir einen Kocher und Expeditionsnahrung durch die Gegend, da niemand voraussehen konnte, wie lange wir brauchen werden und wann uns der „richtige“ Hunger überkommt.

Der erste Ausfall

nach der kleinen Stärkung setzt sich der Trupp der Wahnsinnigen wieder in Bewegung. Entlang des Ufers geht es in Richtung Rurberg und Volker beginnt schon kurz nach der Pause zum humpeln. Etwa vier Kilometer nach unserer Pause erreichen wir die Staumauer bei Rurberg – und Volker sein Ende der Tour. Die Schmerzen im Knie sind zu groß, als dass er sich weitere Kilometer zumutet. Nachdem seine Verpflegung aufgeteilt ist, sehen wir ihn schweren Mutes über die Staumauer zurück in Richtung Rurberg ziehen. Mit Bus und Bahn soll es nach Hause gehen. Jetzt ist Motivation gefragt, denn die Hälfte der Tour liegt nun hinter uns und das Auto nur wenige Meter von uns entfernt. Zu viert ziehen wir weiter, um die Runde um den Hauptsee in Angriff zu nehmen. Unser nächstes Ziel heißt Schwammenauel.

Pause am BrunnenWir wandern frohen Mutes weiter und die Stimmung in der Truppe ist gut. Nils stöhnt ein Wenig über seine Hüfte und auch Jörg schlicht sich mit dem gleichen Leiden an. Auch Martin ärgert sich über seine Blase, die mittlerweile eine stattliche Größe hat. So legen wir an einem Brunnen eine Pause ein und ich zücke einen Flachmann und vier Pinnchen aus meinem Rucksack, um die Jungs ein wenig zu motivieren. Wir stoßen auf uns an und spülen die Becherchen im Brunnen, Martin versorgt seine Blase. Dann geht es weiter.

Blasen-Bernd und Hüften-Harald

Gute fünf Kilometer sind es noch bis zur Staumauer Schwammenauel und der Obstler hat die Jungs doch zum Weitermachen motiviert. Zwar erinnern mich die Gangarten vor allem von Jörg und Martin an den Sketch „Ministry of Silly Walks“ von Monty Python, aber schnell stehen die Spitznamen „Blasen-Bernd“ und „Hüften-Harald“ fest und lachend kämpfen sich die Jungs in Richtung unseres nächsten Ziels.

Pause mit WeizenbierKurz vor der Staumauer planen wir, dort unsere Wasservorräte aufzufüllen und uns ein Wenig weiter ein lauschiges Plätzchen im Wald zu suchen, um dort unsere Tütennahrung zu uns zu nehmen. Während ein Teil der Gruppe jedoch kaum noch laufen kann, muss der andere Teil ein nicht waldtaugliches Geschäft verrichten. So lassen wir uns auf der Terrasse des Cafés „Zum Pegel“ nieder und entspannen bei einem Weizenbier. Der Hunger von vor wenigen Minuten scheint verflogen und wir einigen uns darauf, bei Käse und Salami zu bleiben, um nicht zu viel Zeit zu vertrödeln. Gute 17 Kilometer liegen noch vor uns.

Endspurt

Wir setzen uns wieder in Bewegung und laufen bzw. humpeln in Richtung Woffelsbach. Jörg übt sich dank seiner Hüfte im Vorwärts-Moonwalk, Martin hat sich zu seiner Monsterblase mittlerweile feierlich den Fuß durchgetreten und kann kaum noch laufen. Immer wieder müssen wir motivieren und die beiden vom Abbrechen abhalten – zumal es nirgendwo mehr die Möglichkeit dazu gibt. Das Weizenbier hat sein Übriges getan, um die Situation mit Humor nehmen zu können und so bewegen wir uns im Spaziergang-Tempo weiter. „Durchhalten“ lautet die Parole!

Als wir vor Woffelsbach noch einmal eine Riesen-Bucht umgehen müssen, ist das Fluchen der Jungs bis tief in den Wald zu hören. Gute 1,5 Kilometer dürfen wir dank der Bucht mehr machen und jeder Kilometer zieht sich mit den Invaliden im Gepäck und auf tauben Beinen wie Kaugummi. „Ich warte in Woffelsbach und ihr holt mich ab“, sagt Jörg. „Nix da, die letzten fünf Kilometer schafft du auch noch“, bekommt er von uns zu hören. und so ziehen wir gemeinsam dran.

Gute Laune auf die letzten MeterVöllige Leere macht sich langsam in unseren Köpfen breit und wir fangen teilweise an zu lallen, wahrscheinlich auch wegen dem Weizenbier, aber unsere Kraftreserven sind quasi auf dem Nullpunkt. Aber nach müde kommt albern. Wir schleppen uns durch Woffelsbach und sehen bereits die Kirche von Rurberg. Die Rettung naht!

An einer Landstraße geht es weiter in Richtung Ziel und an einem der vielen Campingplätze vorbei biegen wir nach Rurberg ein. „Jetzt nur noch den Ort queren und dann haben wir es geschafft“, versuche ich die Jungs zu motivieren. Ich ärgere mich nach zwei Kilometern auf asphaltierter Eifelstraße über meine eigene Aussage: So groß hatte ich Rurberg gar nicht in Errinnerung!

Es ist geschafft!

Als wir die Staumauer von Rurberg sehen können, bittet Jörg eine Familie „Wenn Sie uns an dem silbernen großen Wagen auf der anderen Seite der Staumauer ankommen sehen, könnten Sie dann bitte jubeln?“. Zwar weiß die Familientruppe nicht, warum sie jubeln soll, aber als wir an unseren Autos ankommen, jubeln und winken sechs wildfremde Menschen von der anderen Seite der Staumauer. Schöner könnte der Abschluss so einer TorT(o)ur gar nicht sein!

Die Finisher

Vielen Dank an euch, Jungs, für das Erlebnis. Wahnsinn, zu was der menschliche Körper doch in der Lage sein kann… Was ist unsere nächste Marke ;-)

Links

Die komplette Aufzeichnung inklusive einiger Bilder gibt es wie immer bei komoot. Dort kann man auch die GPX zum Nachwandern herunterladen.

15 Kommentare

  1. Respekt, sehr schicke Tour!
    Folgerichtig müsste es doch jetzt mit dem Fahrrad nach Prag gehen, oder?

  2. Durchaus bekloppt, was Ihr da gemacht habt. Aber auch dafür Zölle ich Respekt! Die Blasen und Hüftprobleme waren wirklich verdient, wenn auch nicht gewünscht. Und Axel, Du siehst aus, als hättest Du Dich gekloppt. ;-)
    Erholt Euch gut!
    Gruß, Bernd

    • Zumindest ansatzweise habe ich mich auch so gefühlt. Oder aber, als wäre eine riesengroße Dampfwalze über mich gefahren ;)

    • Hätten wir die mal dabei gehabt ;) Aber rund um die Sehenswürdigkeiten war so viel los… Da waren wir schon froh, dass es ein Toilettenhäuschen gab.

  3. Bin duch Zufall auf diese Seite geraten.
    In max.24 Std rund 54 km ist schon gut , keine Frage. Aber durchaus ist man auch in der Lage 100 km in 24 Std zu machen. Ich habe Anfang Mai 2013 den Hollenmarsch mitgemacht. 101 km in 26 Std. War scheisse anstrengend aber gut !
    Und jeder , der mehr als 30km mal gewandert oder marschiert ist,weiss was das heisst,sowas zu machen. Daher,…nur weiter so.!!

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