Im Test: Merino-Hüttenschlafsack von Lestra Outdoor

Was ein Hüttenschlafsack ist und wofür man ihn braucht, erfuhr ich erst kurz vor meiner ersten Mountainbike-Transalp. Damals – was spezielles Equipment anging – noch relativ unerfahren, wählte ich die erstbeste Lösung, jedoch leider nicht die beste.

Die Grundlagen

Ein Hüttenschlafsack (oder auch Inlet genannt) ist eine meist einlagige Hülle, ebenfalls meist mit Reißverschluss, die man bei einer Hüttentour benutzt, um aus hygienischen Gründen die dortigen Decken und Bettwäschen möglichst nicht zu berühren. Ebenso kann man einen Hüttenschlafsack nutzen, wenn man einen fremden Schlafsack ausleiht, denn ein Inlet lässt sich entgegen eines normalen Schlafsacks problemlos auch öfter waschen, ohne dass darunter die Dämm- oder Bauschfähigkeit des Schlafsacks abnimmt. In sehr warmen Umgebungen kann man zudem ein Inlet alleine nutzen, etwa, um Mücken und anderes Getier vom Körper fernzuhalten.

Der Aufbau des Schlafsacks

Das getestete Lestra Merino-Inlet besteht aus schwarz gefärbter Wolle des Merino-Schafs, die in Mumienform vernäht und mit einem einseitigen, fast über die gesamte Länge reichenden Reißverschluss ausgestattet ist. Alternativ bietet Lestra auch eine Dreiecksform ohne Reißverschluss an, sowie Mumien mit Reißverschlüssen rechts oder links.

Als Packsack legt Lestra einen beschichteten und bestickten Nylon-Packsack dazu.

Die Material- und Verarbeitungsqualität

Merino ist im Bekleidungsbereich keine Neuheit, dennoch muss sich das Naturmaterial wieder Marktanteile zurückerobern, um vom Lodenimage zurückzukommen und als echtes, wenn auch natürliches, Funktionsmaterial anerkannt zu werden. Und ein Funktionsmaterial ist Merino in der Tat, denn es ist nicht nur komfortabel und kratzt nicht, sondern dazu auch atmungsaktiv, schnelltrocknend, reiß- und scheuerfest. Eines der wichtigsten Argumente für Merino ist jedoch, dass es auch nach mehrere Tagen der Nutzung nicht unangenehm müffelt. Meist erlaubt die Ausstattung und die Zeit bei einer mehrtätigen Hüttentour zu Fuß oder mit dem Rad keine ausgiebigen Waschorgien inkl. erforderlicher Trocknungsphase. Ebenfalls ist es nicht immer möglich, nach einer Ganztagestour am Berg vor dem Zubettgehen zu Duschen. Der Hüttenschlafsack ist somit unweigerlich Gerüchen ausgesetzt, die er nicht allzu stark festhalten sollte.

Den Ein- und Ausstieg erleichtert ein schwarzer Marken-Reißverschluss, der sich gut bedienen lässt und tadellos schließt.

Der schon erwähnte Packsack ist aus robustem Nylon und verfügt über einen Tunnelzug, der den verzurrten Sack zuverlässig verschlossen hält. Auffällig ist, dass das Nylon von innen beschichtet und somit sehr luft- und vielleicht auch wasserdicht ist. Ich bleibe neugierig, wie sich dieser Sack langfristig auf ein leicht feucht verpacktes Merinoinlet auswirkt, scheint er doch nicht die Möglichkeit des Abtrocknens zu bieten. Zugunsten des Gesamtgewichts und einer besseren Trocknungsmöglichkeit könnte ich mir vorstellen, dass Lestra auch einen alternativen Kompressionsbeutel aus Meshgewebe beilegt oder eine Kompressionsmöglichkeit direkt in den Hüttenschlafsack mit einarbeitet, so dass eine zusätzliche Hülle entfällt.

Der Schlafkomfort

Merinotypisch fühlt sich der Lestra Hüttenschlafsack sehr gut auch auf nackter Haut an. Das Gefühl ist – ähnlich wie bei Baumwolle und entgegen den Varianten aus Seide – sofort warm. Die Mumienform ist großzügig geschnitten, so dass man sich nicht beengt fühlt und auch ein Wendemanöver souverän bewältigt. Auch nach mehreren Tagen der Nutzung konnte ich nicht feststellen, dass irgendwelche Gerüche auftraten.

Wünschenswert wäre ein etwas griffigerer Anfasser am Schiffchen, damit sich der Reißverschluss im dunklen besser finden und betätigen lässt. Zudem scheuern die Nylonstreifen links und rechts am Reißverschluss etwas auf nackter Haut. Dies habe ich im Test dadurch gelöst, indem ich die Mumie auf links zog, dann liegen die Streifen außen und das Problem ist beseitigt.

Seide, Merino- & Baumwolle im Größenvergleich

Seide, Merino- & Baumwolle im Größenvergleich

Das Packmaß

Gewicht und Packmaß sind zwei Kriterien, die einen normalen Menschen kaum interessieren. Sobald man sein Equipment jedoch auf das zusammenschrumpfen muss, was in einen Rucksack passt, den man über mehrere komplette Tage auf dem Rücken tragen muss, so denkt man plötzlich anders nach über Besteck aus Titan und abgesägte Zahnbürsten. So auch bei Hüttenschlafsäcken. Wie auch sonst gibt es jedoch keine perfekte Lösung, sondern nur Alternativen, die man anhand des geplanten Einsatzes und evtl. auch anhand der Dicke des Geldbeutels gegeneinander abwägen muss.

  • Synthetik: schlechte Bauscheigenschaft, kein schönes Gefühl auf nackter Haut, wenig atmungsaktiv (für mich persönlich keine wirkliche Alternative bis mich jemand eines Besseren belehrt)
  • Baumwolle: großes Packmaß und verhältnismäßig schwer, ungünstige Trocknungszeiten, dafür oft günstiger Preis (okay für den gelegentlichen Einsatz, wenn es nicht um Gewicht und Packmaß geht)
  • Seide: sehr geringes Packmaß und sehr leicht, gute Trocknungszeiten, jedoch nur mittelmäßig sympathisches Gefühl auf nackter Haut und die übliche, jedoch nicht relevante Knitteroptik, mittlerer Preis, nicht vegan (gut, wenn man viel Wert auf Gewicht auf Packmaß legt)
  • Merinowolle: gutes Packmaß und gutes Gewicht (beides zwischen Baumwolle und Seide), sehr gutes Gefühl beim Schlafen, sehr gut gegen Gerüche, höherer Preis, nicht vegan (sehr komfortabel bei längeren Touren, wenn man noch Platz im Rucksack oder den Luxus eines Begleitfahrzeugs hat)

Nebenbemerkung: Für absolute Veganer verengt sich leider das Feld der Kandidaten auf zwei – ausgerechnet auf die beiden schwächeren Kandidaten. Jedenfalls so lange, bis endlich Tufo-Hüttenschlafsäcke erfunden werden ;-)

Das Fazit

Für knapp 100 € bietet Lestra den Komfort-Mercedes unter den Hüttenschlafsäcken an, sowohl Material als auch Verarbeitung sind über jeden Zweifel erhaben. Das Inlet fühlt sich warm und weich an, nimmt Gerüche kaum an und lässt sich im Vergleich mit Baumwoll-Inlets meist auch noch kleiner und leichter packen. Wer jedoch den hohen Preis scheut, vegan lebt oder das Packmaß einer Walnuss erwartet, der muss sich nach Alternativen umschauen. Persönlich bin ich mir jedoch sicher, dass das Lestra Merino-Inlet zu einem treuen Begleiter auf Berg- oder Radtouren werden wird.

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.