Auf dem Kall Trail Geschichte hautnah erleben

Am Samstag vor Ostern suchten wir nach einer kurzen Wanderung, um die Wandersaison endlich zu eröffnen. Zwar wollten wir bei gelegentlichem Schneefall und Minusgraden weder uns, vor allem aber dem Kind, keinen Gewaltmarsch antun und entschieden uns für den 8,5 km langen Kall Trail, der ein Rundweg ist und in Vossenack startet und endet.

Kall-Trail

Den Ort und die Gegend rund um Vossenack kenne ich noch aus meiner Jugendzeit, da ein Teil meiner Familie aus dem benachbarten Bergstein stammt. Als Kind war ich in dieser Gegend oft mit meiner Familie unterwegs. Zwar wusste ich immer, dass hier oben rund um Hürtgenwald erbitterte Kämpfe während des Zweiten Weltkriegs stattgefunden haben, nähere Details habe ich aber nie erfahren. Vielleicht waren sie für Kinderohren auch uninteressant.

Der Kall Trail ist einer von sieben historisch-literarischen Wanderwegen „Hürtgenwald 1938 – 1947“, die einen Überblick über die Kämpfe rund um Hürtgenwald im Zweiten Weltkrieg und ihre Darstellung in der internationalen Literatur geben sollen. Hier kann man Militärgeschichte hautnah erleben. Zudem kann man auf www.mm-historyguide.de, einem Projekt der Konejung-Stiftung: Kultur, eine Vielzahl an spannenden Film- und Tonsequenzen zu einem Multimedia-History Guide zusammenstellen, um die Geschichte der jeweiligen Wanderung noch greifbarer zu erleben.

Der Kall Trail

Im Herbst 1944 wählte Eisenhower einen Weg durch das Kalltal, auf dem er seine Truppen im Rheinland mit Nachschub versorgen wollte. Von Germeter und Vossenack kommend sollte die gewählte Route nach Kommerscheidt und Schmidt führen. Doch der Weg war für die amerikanischen Einheiten eine große Herausforderung, da die Hänge und Wälder auf der östlichen Seite von deutschen Einheiten besetzt waren. Während Vossenack im Schussfeld der Deutschen lag, die von einem Bergrücken bei Bergstein und Brandenberg feuerten, war die Höhe „Buhlert“ mit deutschen Panzereinheiten besetzt. Außerdem stellte der an vielen Stellen nur zwei Meter breite Weg die Amerikaner vor Probleme, da ihre Sherman-Panzer ebenfalls zwei Meter breit waren und entweder liegen blieben, auf Minen fuhren, Ketten verloren oder an Felsen hängen blieben. So schafften es nur wenige Panzer bis nach Kommerscheidt, so dass diese bald ohne Nachschub den Rückzug antreten mussten.

Mit diesen Hintergrundinformationen ausgestattet, starten wir also gegen Mittag mit der gesamten Familie an der Kirche in Vossenack, an der es auf der gegenüberliegenden Straßenseite ausreichend kostenlose Parkmöglichkeiten gibt. Mit dabei sind Pia und ihr Hund Henry. Ursprünglich startet der Kall Trail am Museum „Hürtgenwald 1944 und im Frieden“, das aber nur sonntags geöffnet ist und somit kurzfristig aus unserem geplanten Programm gestrichen werden muss.

Wiesenlandschaft auf dem Kall TrailVom Parkplatz aus kommend geht es rechts an der Kirche vorbei. Dem Mestrenger Weg folgen wir, bis die Straße einen scharfen Linksknick macht. An dieser Stelle geht es für uns weiter geradeaus und über eine weite Wiesenlandschaft, bis wir nach gut 1,3 km den Waldrand erreichen. Ein kleines Stück weiter befindet sich eine Stelle, an der Lieutenant Fleig mit seinem Sherman auf eine Mine fuhr und den Kall Trail blockierte. Hier und an einem Felsvorsprung, der den Weg extrem verengte und von den Pionieren mühselig beseitigt wurde, stürzten zahlreiche Panzer ab. Bis hierhin ist trotz einer tollen Weitsicht kaum zu erahnen, wie tief wir ins Tal hinab und nachher wieder hinauf wandern müssen.

Einige Meter geht es nach dem Eintritt in den Wald bei einem mäßigen Gefälle hinunter, aber schon bald wird der Pfad hinunter ins Kalltal und zur Mestrenger Mühle steiler und mit der Kindertrage auf dem Rücken verfluche ich zeitweise meine Entscheidung, meine Trekkingstöcke dieses Mal nicht mitgenommen zu haben. Wir queren einen Forstweg und wandern auf der gegenüberliegenden Seite weiter steil bergab, bis wir an zwei nah beieinander liegende Forstwege kommen, von denen einer die Zufahrt zur Mestrenger Mühle ist, die wir durch die Bäume bereits erkennen können. Dort angekommen schlottern meine Knie von dem Abstieg mit „Zusatzgepäck“.

A Time for HealingWeiter geradeaus und einem schmalen Weg entlang einer Viehwiese folgend gelangen wir schon nach einigen wenigen Metern an die Kall-Brücke. Hier erinnert die Gedenkskulptur „A Time for Healing“ des Bildhauers Michael Pohlmann an die humanitäre Aktion des deutschen Stabsarztes Dr. Günter Stüttgen. Ihm gelang es, vom 7. bis 12. November 1944 einen inoffiziellen Waffenstillstand auszuhandeln, um verwundeten GIs, die sich von Kommerscheidt kommend über die Kall-Brücke nach Vossenack zurückziehen wollten die Möglichkeit zu bieten, von deutschen Sanitätern versorgt zu werden. Ebenso konnten die deutschen Truppen ihre Verwundeten retten versorgen. Dr. Stüttgen wurde nach dem Krieg vom Gouverneur des Staates Pennsylvania für diese Aktion geehrt. Vor der Brücke informiert eine Tafel über die Aktion von Stüttgen.

Direkt auf der anderen Seite der Kall-Brücke erklimmen wir den Hang in Richtung Kommerscheidt im Zick-Zack und machen ordentlich Höhenmeter. Hinter zwei Häusern, die rechts neben uns im Hang liegen, ist auf dem Weg noch die Panzerkette eines Shermans auf dem Boden zu erkennen, der wie viele andere Fahrzeuge auch vom flüchtenden 707. Tank-Bataillon zurückgelassen werden musste. Wir folgen dem Weg noch ein Stück bergauf, bis wir an einer Weggabelung links abbiegen.

Aussicht von der Decke Ley auf die Mestrenger MühleWeiter bergauf gelangen wir bald zum Aussichtspunkt „Decke Ley“, von wo aus wir einen Blick hinunter auf die Mestrenger Mühle werfen können. In der Kurve, an der eine Bank zum Verweilen und Panorama genießen einlädt, sind in dem Gestein am Boden noch deutlich Spuren von Panzerketten zu erkennen.

Wir folgen dem Weg weiter und gelangen nach insgesamt gut 3,8 km an eine Schutzhütte, wo wir eine kurze Pause einlegen, die wir für ein Gruppenfoto und die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr nach dem knackigen Anstieg nutzen. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf Vossenack und auf die Wiesen, die man zu Beginn der Wanderung überquert hat. Ab hier geht es erst einmal relativ eben weiter und wir sehen hinter einer Kurve die ersten Häuser von Kommerscheidt. Bevor wir jedoch das Dorf betreten, biegen wir rechts ab und folgen einem Weg, der in einer großen Kurve auf Wiesenpfaden unterhalb des Ortes verläuft. Gleich hinter der Kurve biegen wir rechts in einen schmalen Pfad ein, der uns wieder hinunter ins Kalltal führt.

Panzerkette eines ShermanWir wandern einige Zeit bergab, bis wir wieder auf den Weg treffen, den wir vor einiger Zeit verlassen haben, um zum Aussichtspunkt „Decke Ley“ zu gelangen. Noch ein Mal geht es vorbei an der Panzerkette des Sherman und auf altbekanntem Weg im Zick-Zack weiter hinunter bis zur Kall-Brücke, die wir ein zweites Mal überqueren. Linker Hand liegt nun wieder die Mestrenger Mühle, die wir für einen wärmenden Kaffee zwischendurch nutzen. In der Mühle, die vermutlich um 1633 erbaut wurde, wurde schon 1945, also nur wenige Monate nach den heißen Gefechten an den beiden Hängen westlich und östlich des Gebäudes, ein kleines Ausflugslokal im Haupthaus eröffnet, das Wanderer und Eifelurlauber versorgte.

Vom warmen Kaffee frisch gestärkt geht es links herum in Richtung Westen entlang der Kall auf einem Weg einige Zeit eben weiter. Etwas südlich liegt die Teufelsley, auf der sich eine deutsche Maschinengewehrstellung befand, die von dort aus das Tal kontrollierte – und kurz muss ich an unsere Bloggerwanderung im Ahrtal denken: Dort kamen wir auch an einer Teufelsley vorbei. An einer Wegkreuzung folgen wir dem Weg weiter geradeaus, bis der Kall-Trail nach einigen hundert Metern den Hauptweg wieder verlässt und steil hinauf in Richtung Vossenack führt.

Ein schmaler Pfad führt durch teils sumpfiges Gelände, der irgendwann in eine Wiese übergeht. Genau an diesem Übergang erblicken wir die Kirche von Vossenack und nehmen die letzten 500 Meter bis zum Auto in Angriff. Am Ende der Wiese gelangen wir wieder auf den Mestrenger Weg, der direkt zur Kirche führt.

Fazit & Tipps

Der Kall-Trail hat Spaß gemacht – trotz 330 Höhenmetern auf den kurzen 8,5 km. Wer mit viel Gepäck unterwegs ist, dem seien an dieser Stelle Trekkingstöcke empfohlen, die beim Wandern bergab so einige Stöße auf die Beinmuskulatur abfangen können. Auch beim Erklimmen der beiden Hänge in Richtung Kommerscheidt und Vossenack können sie durchaus hilfreich sein.

Leider habe ich auf der Wanderung Infotafeln wie die zu der Gedenkskulptur auf der Kall-Brücke vermisst. Zeitweise habe ich darüber nachgedacht, ob absichtlich keine Tafeln angebracht sind, um Vandalismus von politisch Gesinnten zu verhindern, jedoch macht das Suchen nach Hinweisen auf die militärgeschichtlichen Spuren wahrscheinlich gerade den Reiz der Route aus. Gerade für Kinder in entsprechendem Alter wird es eine Freude sein, die jeweiligen Stellen zu suchen. Allerdings empfiehlt es sich jedem, sich vor der Tour die Informationen zu den einzelnen Stationen auszudrucken.

Wer gerne genauestens über die Stationen im Bilde sein möchte, dem sei folgende interessante Veranstaltung empfohlen: Der Kollege Michael Florschütz von FTB-Adventures, bei dem ich auf den Kall Trail aufmerksam wurde, hat eine Fortbildung zum History Guide gemacht. Die frisch ausgebildeten History Guides des Rureifel-Tourismus e. V. möchten sich vorstellen und bieten am 14.04.2013 ab 10 Uhr verschiedene kostenlose Wanderungen und Radtouren rund um die Geschichte des 2. Weltkrieges an. Mehr Informationen dazu sind hier zu finden.

 

Bilder

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13 Kommentare

    • Ich bin mal gespannt, was die anderen historisch-literarischen Wanderwege in der Region noch zu bieten haben. Warst du auch schon auf anderen Wegen dieser Kategorie unterwegs?

      • Hallo Axel,
        nein das war die erste Tour aus der Lektüre „Zeitreiseführer Eifel 1933-1945“! Wird aber im Auge behalten. Im Moment macht mir das Wetter noch nicht so richtig Spaß.

        LG Micha

        • Das Wetter ist ja so’n Thema für sich dieses Jahr. Ich bin aber optimistisch. Spätestens in 1-2 Wochen kann’s wieder so richtig los gehen ;)

  1. Die Runde habe ich mir auch schon gegönnt. Etwas bedrückend, wenn man sich gedanklich auf dieser Tour mit unserer Geschichte befasst. Das Grauen mitten in schönster Natur.

    Sehr umfangreicher Bericht :-)
    LG Elke

    • Bedrückend ist es allemal. Vielleicht stehen auch genau deswegen nicht alle paar Meter Infotafeln, um die Wanderer mit zu viel Kriegsrealität zu verschonen.

  2. Hallo Axel,
    der Weg lohnt sich ja wohl. Ich glaube auch, dass sich viele Wege lohnen, nur das die Vergangenheit vielleicht nicht ausführlich dokumentiert ist. Im und nahe des Siebengebirges gibt es meines Wissens zumindest zwei Stellen, die aus militärhistorischer Sicht interessant sind. Die liegen aber ein ganzes Stück auseinander. Ich weiss nicht warum, aber solch ein Thema interessiert mich schon sehr, bin aber bei weitem nicht scharf drauf, dass so etwas noch einmal passiert.

    Viele Grüße, Bernd

    • Moin Bernd, ich kann das nachvollziehen. Irgendwie interessiert mich alles, was mit Geschichte zu tun hat, egal ob Mittelalter oder eben halt Weltkriege. Ich finde es immer interessant zu wissen, wo wir eigentlich herkommen und warum heute alles so ist, wie es ist. Leider vergesse ich die meisten Fakten immer ziemlich schnell wieder, obwohl ich sie vorher aufsaugen kann wie ein Schwamm. Aber z.B. die kleine Geschichte um Dr. Stüttgen und die Kall-Brücke wird mir im Gedächtnis bleiben.

      Man kann den Kall Trail natürlich auch völlig ohne geschichtliches Hintergrundwissen wandern und einfach die Natur genießen. Wenn man sich vorher nicht darüber informiert hat, bemerkt man die meisten militärhistorischen Punkte nicht einmal. Wenn es sich wie bei dieser Route aber anbietet, etwas über die Region zu erfahren, dann nehme ich das immer gerne mit.

      • Moin Axel,
        die Geschichte um Dr. Stüttgen zeigt aber auch, dass da schon noch Menschen waren. Das Große braucht man nicht unbedingt im Detail zu behalten, kleine Geschichten reichen da oft aus. Das natürlich mit dem Bewußtsein, dass da noch mehr war!
        Wie drückte es Friedhelm in „Unsere Mütter, unsere Väter“ aus? „Der Krieg bringt nur das Böse in uns zum Vorschein.“ Den Dreiteiler fand ich übrigens sehr facettenreich und spannend gemacht! Mich hätte nun interessiert, wie es bei denen Dreien weitergegangen ist. Vielleicht lüftet die Dokumentation das? Ich werde es sehen.
        Der Zweite Weltkrieg, auch wenn unsere Generation den nicht miterlebt hat, ist Teil unserer Geschichte. Da gab es keine Helden.

  3. Hi Axel,
    danke für’s Erwähnen. Ich gebe allen hier Recht, dieser Weg ist beeindruckend und mehr, als nur eine Wanderung. Hier steht man auf historischem Boden, der viel Leid gesehen hat. Ich mache ja jetzt Führungen hier und finde, holt man etwas aus und kennt man die Zusammenhänge mit der Landung in der Normandie und weiss, warum die Amerikaner überhaupt diesen Weg genommen haben und welche Rolle die Staudämme hatten, dann gewinnt die Operation Queen, die Schlacht im Hürtgenwald oder die Ardennenoffensive eine neue Bedeutung.
    Viele Grüße aus Nideggen
    Michael

    • Hey Michael, ich krieg’s am 14.4. leider wieder nicht hin, bei einer Führung dabei zu sein. Das wird aber ziemlich bald nachgeholt. Ich bin echt heiß drauf! Wünsche euch dennoch viel Spaß – und gutes Wetter ;-)

  4. Kalltaltrail ist mir auch unbekannt ! Kenne nur den Historischen Wanderweg bei Simonskall. Den Wildnistrail (http://www.hubert-im-netz.de/mtb/mtb_touren/wildnistrail.htm) bin ich im Mai 08 gefahren, ist meines erachtens nicht den Namen „Trail“ würdig, da der Trailanteil bei unter 10 % liegt. Man kann ihn aber als sehr sportliche Herrausforderung sehen, da er so einige Steigungen parat hält. Ob das was XC Racer zum befahren sagt, für den Nationalpark auch zutrifft weiss ich jetzt nicht, aber ich denke wenn man sich anständig verhält und nicht wild durchs Gemüse heizt sollte es durch gehen.

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